Die Idrisiden (789-974)

Schon bald nach der Ermordung des Kalifen Ali ilm Abi Talib, der mit Mohammeds Tochter Fatima verheiratet war, entstand die religiöse Bewegung "Schiat Ali"(= Partei Alis). Ihre Anhänger, die Schiiten, bestritten die Rechtmässigkeit der Kalifen, die nicht aus Alis Ehe mit Fatima abstammten. Sie lehnten also auch die neuen Kalifen der Abbasidendynastie ab, die ihren Stammbaum auf Abbas, einen Onkel des Propheten, zurückführten. Im Jahre 786 bereitete der abbasidische Kalif Harun ar-Raschid den Schiiten in der Schlacht von Fakh bei Mekka ein furchtbares Massaker. Einer der wenigen Schiiten, denen zu entkommen gelang, war Idris Ibn Abdallah. Er flüchtete nach Marokko, wo ihm der Berberstamm der Aouraba (Auriba) Unterschlupf gewährte. Die überhöhten Tributforderungen der Abbasiden trieben die freiheitsbewussten Berber den schiitischen Ideen zu. Der Stamm wählte Idris I., einen Nachkommen Alis und Fatimas, zum Oberhaupt. Moulay Idris residierte im Stammeshauptort Oualila, dem antiken Volubilis, und schloss innerhalb weniger Jahre mehrere Berberstämme zu einem kleinen, vom Kalifat aber unabhängigen Reich zusammen. 789 gründete er Fès, das sich zu einem der bedeutendsten Kulturzentren des Islams entwickeln sollte. 791 liess ihn Harun ar-Raschid durch einen seiner Abgesandten vergiften.
Unter Idriss II., der erst zwei Monate nach der Ermordung seines Vaters zur Welt kam und als Elfjähriger die Herrschaft übernahm, erreichte die marokkanische Dynastie der ldrisiden ihre Blütezeit. Das kleine Reich war zwar nicht das einzige in Marokko - daneben bestanden u. a. das Reich der Berghouata an der Atlantikküste und das Reich von Sijilmassa im Tafilalt-, doch es war zweifellos das bedeutendste; seine kulturellen Ausstrahlungen erfassen den ganzen Nordwesten Afrikas. Heute wird es als Keimzelle des Königreichs Marokko angesehen. Nach dem Tode von Idriss II. begann das Reich unter schwachen Herrschern zu zerfallen.