Die Kolonialzeit (1912-1956)

Mit der Konvention von Fès vom 30. März 1912 übernahm Frankreich die Schutzherrschaft über den grössten Teil Marokkos ("Le Maroc"). Am 27. Nov. 1912 trat Spanien sein Protektorat über Nordmarokko ("Marruecos Español") an. Hauptstadt des französischen Territoriums wurde Rabat, Hauptstadt des spanischen Landesteiles Tétouan. Ausserhalb dieser beiden Schutzgebiete stand die Internationale Zone Tanger. Sultan Mulai Yusuf (1912 - 1927) war formell Staatsoberhaupt von ganz Marokko, besass aber keinerlei Weisungsbefugnisse. Frankreichs Gouverneur Marschall Louis Hubert Lyautey (1912 - 1925) regierte mit eiserner Hand. Er siedelte französische Kolonisten und Industriebetriebe in Marokko an, förderte aber auch den Bau von Strassen, Wohnvierteln, Schulen und Krankenhäusern.
Noch viele Jahre wehrten sich die Berberstämme gegen die französisch-spanische Bevormundung. Schärfster Widersacher war seit 1921 der Rifkabyle Abd el-Krim (Abd al-Karim; 1880 - 1963), der die beiden Protektoratsmächte in Atem hielt. 1926 musste er vor der militärtechnischen Überlegenheit Frankreichs und Spaniens kapitulieren und wurde auf die Insel Réunion verbannt. 1947 floh Abd el-Krim nach Ägypten, wo er 1963 in hohem Alter starb. Noch heute wird er in Marokko, besonders im Rif, als Nationalheld verehrt. - Erst 1934 konnten die Franzosen die letzten freien Berberstämme im Hohen Atlas unterwerfen. Die "Befriedung" Marokkos forderte von Frankreich 27‘000 Menschenleben, die Marokkaner schätzen die Zahl ihrer Toten auf rund 400 000.
1927 bestieg Sidi Mohammed ibn Jusuf im Alter von 18 Jahren als Mohammed V. den Sultansthron. 1930 zwangen die Franzosen den Sultan, das sog. "Berber-Dekret" zu erlassen, um einen Keil zwischen die berberischen und arabischen Volksteile zu treiben. Danach sollten die örtlichen Berbergerichte mit ihrem uralten Gewohnheitsrecht wieder aufleben und die islamische Rechtsprechung auf die Araber beschränkt bleiben. Doch die Berber lehnten das Dekret als gläubige Muslime ab und gründeten gemeinsam mit den Arabern die Nationalisten-Partei und die Völkische Bewegung, die eine Beteiligung der Marokkaner an der Regierung forderten.  Mohammed V. machte kein Hehl aus seiner Ablehnung der "Schutzmächte" und stellte sich offen auf die Seite der marokkanischen Unabhängigkeitspartei "Istiklal", die 1944 aus dem Zusammenschluss der Nationalisten-Partei und der Völkischen Bewegung hervorgegangen war. 1952 verhafteten die Franzosen die Führer der Istiklal, förderten 1953 eine Erhebung des Paschas von Marrakesch, El-Glaoui, gegen den Sultan, setzten Mohammed V. ab und schickten ihn in die Verbannung nach Madagaskar. Wachsende Unruhen gegen Frankreich und den neuen Sultan von Frankreichs Gnaden, Moulay Arafa, sowie internationale Proteste zwangen die Franzosen, Mohammed V. im November 1955 wieder in seine alten Rechte einzusetzen. In zähen Verhandlungen mit Frankreich und Spanien erreichten er und die Führer der Istiklal die Aufhebung der Protektoratsverträge. Am 2. März 1956 trat Frankreich, am 8. April 1956 Spanien als Schutzmacht zurück. Auch die Internationale Zone von Tanger kam zu Marokko, bis 1960 allerdings unter dem Sonderstatus eines internationalen Freihafens. Nur Ceuta und Melilla verblieben in spanischem Besitz. Marokko wurde ein unabhängiger Staat. Am 16. August 1957 nahm Mohammed V. den Königstitel an.