Camping Kasbah Palmeraie

Im Stadtzentrum von Agdz lockt ein Wegweiser: Camping Kasbah Palmeraie. Zwei Kilometer weiter umschliesst eine Lehmmauer das Gelände, eine Rezeption, ein Swimmingpool. Aber dahinter eine Wand von Palmen. Es handelt sich um eine noch intakte, bewirtschaftete Palmeraie, in der im vorderen Teil eine Fläche für Zelte eingeebnet wurde.

Ich werde sehr freundlich empfangen: "Ich bin Abdullah, ruh Dich erst mal aus, dann helfen wir Dir, Dein Zelt aufzubauen. Du bleibst bestimmt einige Tage bei uns." "Nein, sicher nicht, ich bleibe niemals mehr als zwei, drei Tage, und für Agdz habe ich zwei Tage eingeplant," entgegne ich. Aber Abdullah sagt, jeder Gast bleibe länger als er eigentlich wolle.

Da kommt M'Barek, der Chef und älteste der vier Brüder, die den Platz bewirtschaften. Er erzählt, dass zu dem Gelände die Kasbah Asslim gehört, die man auch besichtigen kann und nimmt mich gleich mit. Bereits unzählige Male war ich nun in Marokko, aber so etwas Schönes habe ich noch nicht gesehen ! Eine riesige verschachtelte Kasbah, mit Mauern, Türmen, Treppen und Terrassen. Vor der  Eingangstür eine jahrhundertealte Holztafel mit einem Koranspruch, der das Haus beschützen soll. Ein Teil der Kasbah ist der Familie vorbehalten, heute besteht sie nur noch aus sechs Personen. Früher gab es mehr als 70 Familienangehörige, Bedienstete und Sklaven.

Über eine enge Wendeltreppe steigen wir die Stufen zur Terrasse hinauf, man einen weiten Blick über die Palmeraie bis zum Ufer des Oued Draa. In der hohen Mauer sind Durchbrüche mit hübsch verzierten Holzgittern. Von diesem Platz aus konnten die Frauen, die die Kasbah nie verliessen, genau beobachten, was vor sich ging. Auch heute noch verlässt M'Bareks Mutter selten das Gebäude, über eine Querverbindung kann sie jedoch zu ihrer Schwägerin in die Nachbarburg gelangen.

Von der Terrasse aus kommt man in die vier mächtigen Wehrtürme Dort gibt es Fenster zu allen Seiten, um die Annäherung von Feinden rechtzeitig zu bemerken. Eines der Turmzimmer ist ein Traum. Die Wände sind noch original mit handgefertigten Kacheln verziert, das Deckengewölbe bunt bemalt. Das Kachelzimmer war der Lieblingsraum von Sidi Ali, dem letzten Kaid der Familie. Ob er hier wohl seine vielen Frauen und Geliebten traf?

M'Barek erzählt die Geschichte seiner Familie. Sein Vorfahre Taleb-el-Hassan studierte vor ca. 400 Jahren in der berühmten Universität Karaouine in Fès Islamwissenschaften. Dort wurde er vom Sultan Moulay Ismaïl für seine Heimatregion Mezgita als Kaid eingesetzt. Er stammte aus Tamnougalt, der Hauptstadt von Mezgita. Heute ist das nur noch eine unbedeutende Kasbah auf der anderen Seite des Draa, von Agdz nur mit Durchquerung des Oued zu erreichen. Ein Kaid war der Repräsentant einer Region, er übte die Regierungsgewalt aus. Der französische Leutnant G. Spillmann schrieb 1931 in seinem Buch über die Berberstämme im Oued Draa "Villes et Tribus du Maroc":

Das Kommando über die Mezgita ist erblich in der Familie der Ouled Lhassen von Tamnougalt. Es wird ausgeübt vom Chef der Familie, der im Regierungssitz in Tamnougalt wohnt. Der Kaid wird unterstützt durch seinen Stellvertreter (Khalif), der sein eventueller Nachfolger ist. Beim Tode des Kaid versammelt sich die ganze Familie, um dem Begräbnis beizuwohnen und dort, unter Anwesenheit des Kadi, des Oulema und des Cheikhs der Zawiya von Sidi Salh wird von den Mitgliedern der Familie von Tamnougalt der Stellvertreter als Kaid ausgerufen.

Der Kaid bestimmt selbst seinen Stellvertreter, der gezwungenermassen der älteste seiner Brüder ist; mangels Brüder (oder falls der verbleibende Bruder zu jung ist, um das Amt auszuüben) fällt die Wahl auf den ältesten seiner Söhne, seiner Neffen oder auch seiner Vettern, die im Regierungssitz wohnen. Wenn die Kandidaten in etwa im selben Alter sind, versammelt sich der Familienrat, um denjenigen auszuwählen, der am fähigsten ist, die Funktionen eines Khalifen, und später eines Kaids, auszuüben.

Zweifellos haben die Mezgita ihre Unabhängigkeit den Kaids der Familie zu verdanken, die es verstanden, ihre Einheit aufrechtzuerhalten. Sidi Ali, der Bruder des ehemaligen Kaid Sidi Boubeker und Lieblingssohn des Kaid Sidi Abderrahman, ist augenblicklich (1930) Inhaber des Kaidats von Mezgita.

Jedes der Dörfer von Mezgita wird von ein oder zwei Ältesten verwaltet, die den angesehensten Familien des Ortes entstammen und direkt Kaid Sidi Ali unterstehen. Die Abgaben in Naturalien oder Geld sind festgelegt durch den Kaid. Sie sind folglich aufgeteilt unter allen Dörfern abhängig von der Zahl ihrer Einwohner und ihres Reichtums.

Die Kasbah Tamnougalt war nicht der einzige Regierungssitz des Kaid. Um seine Geschäfte besser ausüben zu können, wurden im Laufe der Zeit mehrere Kasbahs gebaut, darunter vor etwa 250 Jahren Asslim bei Agdz. Der letzte Kaid der Familie, Sidi Ali, lebte Anfang des 20. Jahrhunderts zu der Zeit, als die Franzosen den Süden Marokkos unter ihre Kontrolle bekommen wollten. Der Glaoui, der in den Bergen von Telouet wohnte, war vom Pascha als Repräsentant für den ganzen Süden eingesetzt. Um seine Macht zu vergrössern, half er den Franzosen. Er versuchte, die Kaids zur Unterstützung zu gewinnen, aber die vom Sultan eingesetzten Fürsten hielten zu ihrem Herrn. Kaid Sidi Ali wurde zu einem grossen Gegenspieler des Glaoui. Doch die Franzosen schafften den Durchbruch und der Sultan ging ins Exil.

Mitte der vierziger Jahre gelang es dem Glaoui schliesslich, Sidi Ali von seinem Amt zu vertreiben und einen anderen Kaid einzusetzen. Als Mohammed V. 1955 aus dem Exil zurück kam, pilgerten alle Kaids, die ihm die Treue gehalten und dafür ihr Amt verloren hatten, zu ihrem Sultan. Darunter war auch Kaid Ali. Aber er selbst war schon alt, einer seiner zahlreichen Söhne sollte sein Amt übernehmen. Doch jeder wollte diesen einflussreichen Posten, eine Einigung kam nicht zustande, das Kaidat ging der Familie verloren. Noch im selben Jahr starb Sidi Ali. Die etwa zehn in seinem Besitz befindlichen Kasbahs wurden unter seinen Kindern aufgeteilt. Ahmed, sein Lieblingssohn und Vater von M'Barek, bekam Asslim, das schönste der Gebäude.

Doch der Rundgang ist noch nicht zu Ende. Zum Palmenhain hin gibt es einen Gästetrakt, ein Kaid hatte immer viele offizielle Besucher. Spillmann: Vom 20. bis 30. Januar 1930 fand ein Treffen statt, eingeladen von Capitaine Daumarie, Chef der Verwaltung in Ouarzazate, an dem mehrere Offiziere, ein Militärarzt und ein Ingenieur im Dienst der Region Ouarzazate, Taznakht und Mezgita teilnahmen. Sie erhielten den besten Empfang von Kaid Ali, der ihnen in Tamnougalt seine Gastfreundschaft erwies. Schliesslich, am 15. Mai 1930, traf Divisionsgeneral Huré, Kommandant der Region Marrakesch, in Agdz ein, begleitet von elf Flugzeugen. Der General und sein Gefolge wurden von Kaid Ali und Kaid El Arabi von den Ouled Yahia empfangen.

So sind die Zimmer auch wunderschön dekoriert. Um einen arkadengesäumten Innenhof mit Garten und Springbrunnen sind die verschiedenen Räume gruppiert. Leider haben die Witterungseinflüsse einen grossen Teil der Lehmburg schon beschädigt, aber einiges ist noch gut erhalten. Das "Chambre d'Eté" wird wegen seiner zwei hohen Flügeltüren so genannt, es ist auch im heissen Sommer von Agdz angenehm kühl. Die Deckengewölbe sind wie ein Sultanszelt bemalt. Eine der bunt bemalten Holztüren führt zum Innenhof, die andere gibt den Weg in den Palmengarten frei. In den grossen Türen ist immer noch eine kleine Tür eingebaut. Der Grund liegt in dem grossen Riegel, der höllischen Krach macht. Wenn der Muezzin bei Sonnenaufgang zum ersten Gebet ruft, kann man leicht die kleine Tür öffnen ohne die gesamte Familie zu wecken. Als M'Barek andeutet, dass man diese Zimmer auch mieten kann, entscheide ich mich sofort, hier zu wohnen. Wann hat man schon einmal Gelegenheit, in einer solchen Kasbah zu schlafen. Da kommt mein Zelt nicht mit.

M'Barek macht mit mir noch einen Rundgang durch den Ksar, das angrenzende befestigte Dorf. Durch einen unscheinbaren Eingang kommt man in eine schmale Gasse, biegt um eine Ecke und muss noch ein zweites schweres Holztor passieren. Diese Wehrdörfer haben immer einen solch komplizierten Eingang, um Fremden ein Eindringen zu erschweren. Über den schmalen Strassen gibt es regelmässig Beobachtungstürme, von deren Fenstern man in alle Richtungen sehen kann. Oft glaubt man vor einer Haustür zu stehen, aber es ist nur ein Eingang für eine andere Strasse. So kann man einzelne Stadtteile verschliessen und ein Zurechtfinden ist für Fremde unmöglich.

Ein solches Dorf war vollkommen autark. Alle wichtigen Handwerke waren vertreten. Heute wohnen nur noch wenige alte Menschen im Dorf, die jüngeren haben sich vor den Toren längst neue Häuser mit Wasser- und Stromanschluss gebaut. Der Töpfer kommt uns entgegen. Er arbeitet kaum noch, die Leute wollen seinen tönernen Couscousaufsatz heute nicht mehr. Nur das Trinkwasser wird noch häufig in den schweren Tonkrügen aufbewahrt. In Agdz kommt das Wasser von der Sonneneinstrahlung heiss aus der Leitung, da füllt man das Trinkwasser in die wasserbenetzten Krüge und stellt sie in dunkle, kühle Räume.

Vor einem Haus liegt ein grosser Stein, die Oberfläche ist blankpoliert. Von diesem Stein heisst es, bei einem grossen, ungelösten Problem müsse man sich nur eine Viertelstunde auf den Stein setzen und konzentriert an die Sache denken, da komme einem die Lösung schon in den Sinn.

Toll sind auch die riesigen Holzriegel. In den Türen ist ein rundes Loch; will man etwa sehen, wer draussen steht ? Aber nein, da kommt gerade Hamid nach Hause. Er nimmt einen Gegenstand aus der Tasche, der wie eine überdimensionale Zahnbürste aus Holz aussieht, statt Borsten gibt es Holzstifte. Mit diesem Schlüssel fasst er von aussen durch das Loch, innen gibt es die entsprechenden Aussparungen und schon lässt sich der Riegel öffnen.

In diesem Dorf und der Kasbah gab es ständig etwas Neues zu entdecken, aus den geplanten zwei Tagen wurden schliesslich drei Wochen. M'Barek, der in Rabat Soziologie studiert hat und sich sehr für die Geschichte seiner Region interessiert, konnte alles mit grossen Sachverstand erklären. Ob ich nun das breite Oued Draa zu Fuss durchquerte - bis zu den Hüften im Wasser- , um Tamnougalt zu besichtigen, einen erholsamen Spaziergang in den Palmengärten machte, die Felszeichnungen von Tinsouline ansah oder einen Ausflug zu dem herrlichen Felsenbecken der Cascade des Draa unternahm, immer wurde ein schöner Ausflug daraus, auf dem ich nach Wunsch von einem der überaus netten Familienmitglieder begleitet wurde. Ich habe eine Oase der Ruhe und Entspannung gefunden. Händler, aufdringliche Führer, bettelnde Kinder, so etwas gibt es hier einfach nicht.