Die Königsstadt Marrakesch ist das Tor zum Süden Marokkos. Von dort aus starte ich meinen Trip in die Sahara. Die Steppenlandschaft, die sich von Marrakesch bis zum Fuss des Atlasgebirges erstreckt, sieht nach dem hektischen Treiben auf den orientalischen Basaren wohltuend eintönig aus. Geröll und Gestrüpp so weit das Auge reicht.
Ich reise im öffentlichen Bus, zusammen mit Berberfamilien, die von Marrakesch in ihre Dörfer im Atlas zurückkehren. Essen wird getauscht; ich unterhalte mich hauptsächlich mit Gesten, da die Berber wenig Arabisch und gar kein Französisch sprechen.
Atlas und Draa-Tal
Wir nehmen die Passstrasse, die in den Hohen Atlas führt. Je tiefer wir in die Berge kommen, desto grüner wird die Natur. Die Strasse durchschneidet eine fruchtbare Landschaft, bevor sie den Pass des Tizi-n-Tichka (mit 2260 Meter Höhe der höchste Marokkos) erreicht. Die Luft ist dünn und es liegt Schnee.
Hinunter bis nach Zagora, einer kleinen Garnisonsstadt, führt das Draa-Tal. Mit seinen unzähligen grünen Landwirtschaftsterrassen sieht es skurril aus, so eingebettet in die steinige und felsige Landschaft. Die kurvenreiche Talstrasse fordert starke Nerven von den Reisenden. Der Bus scheint immer zur Hälfte über dem Abgrund zu schweben. In Zagora weist uns ein weltberühmtes Schild den Weg: 52 Tage dauert die Reise mit einem Kamel bis nach Timbuktu. Der Bus folgt der alten Karawanenstrecke.
Karawanenstrasse
Der Weg von Zagora nach M'Hamid lässt bereits die grosse Wüste erahnen. In M'Hamid, einer kleinen Karawanenstadt am Rande der Westsahara, wimmelt es von Soldaten. Die hiesige Grenzlinie sorgt seit Jahren für Streit zwischen Algerien und Marokko. Trotzdem bieten die Einheimischen Kamelausflüge in die Wüste an. Deswegen bin auch ich hier. Wir starten früh morgens auf unseren unbequemen und unfreundlichen Kamelen. Die Viecher stinken, spucken und beissen. Doch das vergesse ich, als mein Wüstenschiff mich zwischen die sanften Dünen der Sahara trägt. Gegen Mittag erreichen wir eine kleine Oase, in der wir uns erfrischen können. Nach einem weiteren zweistündigen Ritt erreichen wir unser Nachtlager.
Übernachtung im Beduinenzelt, Hammelfleisch, Couscous und Datteln — über uns der Nachthimmel, um uns endlose Weite: Dafür lässt sich die Gesellschaft der missmutigen Kamele ertragen. Wir schlafen unter dem schönsten Sternendach, dass ich je gesehen habe.
Quelle:Blick am Abend(Ausgabe vom 1.4.2009)